Experteninterview
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Der sanfte Weg zum Sinn: Interview mit Logotherapeut Carsten Kärcher

Wege zum Sinn: Interview mit Logotherapeut Carsten Kärcher

1 . Herr Kärcher, Logotherapie wird oft mit Logopädie verwechselt. Können Sie kurz erklären, worin der Unterschied besteht bzw. was Logotherapie ist?

Die sinnorientierte Psychotherapie (Logotherapie) und die Sprachheilkunde (Logopädie) teilen sich lediglich die gleiche Vorsilbe in zweierlei Bedeutung: „Logos“ meint übersetzt „Wort“ aber zugleich auch „Sinn“. Den Sinn im Leben zu finden, durch Werteverwirklichung, ist das heilsame Therapieziel in der Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor Frankl.

2. Kann man sagen, dass Logotherapie eher eine „geistige“ Therapieform ist?

Die Logotherapie blickt dreidimensional auf den Menschen und erweitert ihn, neben Körper und Psyche, um die geistige Dimension mit dem Ziel, Zugang zu den dort vorhandenen Kräften zu schaffen. Somit würde ich sie als Therapieform „zum Geistigen hin“ bezeichnen.

3. Bei welchen Themen setzen Sie Logotherapie in Ihrer therapeutischen Praxis ein?

Ich behandle in meiner Praxis überwiegend Menschen die an Ängsten, Panikattacken und depressiven Erkrankungen leiden. Dazu zählen natürlich auch Sinnkrisen, oftmals bedingt durch Burnout oder die berühmte Mid-Life-Thematik.
Daneben begleite ich auch Menschen, die ihre Potentiale im Sinne einer wertorientierten Persönlichkeitsentwicklung fördern und sich selbst besser kennen lernen möchten.

4. Wie helfen Sie Ihren Klienten/ Klientinnen, Sinn-Krisen zu überwinden?

Ich möchte in drei Schlagworten meine Arbeitsgrundlage skizzieren: Ermutigung, Werteverwirklichung und soviel Humor wie nur möglich. Ich versuche stets nur soweit nötig am Problem und dafür soweit möglich am Potential zu arbeiten. Diese Art der „Entwicklungshilfe“ bildet das Grundrezept.

5. Wie sehen Sie den Bedarf für Logotherapie?

Steigend. Wie Frankl bereits bemerkte, hat jede Zeit ihre Themen und braucht ihre ganz besonderen Heilmittel. Wir befinden uns in einer Zeit des Werteverfalls und der viel zu hohen Lebensgeschwindigkeit. Dabei entstehen immer mehr Scheinwerte: mein Haus, mein Boot, mein Schnäppchen, mein Smartphone etc. Das Problem an solchen Sachwerten ist, dass sie nur kurzfristig, jedoch nicht auf Dauer tragen und glücklich machen können. Viele Menschen haben letztlich genug wovon sie leben können, wissen jedoch nicht mehr wofür es sich im Grunde lohnt zu leben. Ich erlebe das häufig als einen Nährboden für Sinn-Krisen und depressive Erkrankungen.

6. Wie haben Sie selbst zur Logotherapie gefunden?

Sagen wir sie hat mich gefunden. In der Not, meinen Burnout aus dem ehemaligen Berufsfeld zu bewältigen, habe ich verschiedene Therapierichtungen kennen gelernt und erfahren. Dabei war es die Logotherapie, die einzig und alleine im Stande war, eine nachhaltige Veränderung zu bewirken und die richtigen Impulse zu geben für eine Sinn-volle Neugestaltung meines Lebens.

7. Wie wird man offiziell Logotherapeut? Welche Voraussetzungen muss man mitbringen?

Ich zähle zu den Grundvoraussetzungen den Wunsch, einen Beitrag am Menschen oder an der Welt zu leisten, Interesse am Menschen und die Bereitschaft das logotherapeutische Menschenbild selbst zu leben. Die mehrjährige Ausbildung kann man an verschiedenen Instituten in Deutschland, Österreich und der Schweiz absolvieren. Bestimmte Studienabschlüsse oder Vorkenntnisse sind von Vorteil aber keine Bedingung.

8. Ist Logotherapie auch im Coaching einsetzbar?

Selbstverständlich – von Beratung, Persönlichkeitsbildung und Coaching bis hin zu Therapie: wo es um Menschen geht, um Werte und Ziele und letztlich ein sinnvolles Leben, kann der Einsatz von Logotherapie hilfreich sein, im wahrsten Sinne.

9. Wo sehen Sie Risiken bzw. Grenzen für logotherapeutische Interventionen im Coaching?

Da die Logotherapie häufig auch mit aufdeckenden Methoden arbeitet, ist entsprechende Vorsicht und Achtsamkeit geboten. Im Coaching sehe ich die Grenze an der Stelle, an der Krankheitswert beginnt.

10. Wer Sie kennt, weiß, dass Sie mit Leib und Seele Logotherapeut sind und Logotherapie „leben“. Deshalb eine ganz persönliche Frage zum Schluss: Wenn es die Logotherapie nicht gäbe, wie glauben Sie, sähe Ihr Leben heute aus?

Das vermag ich mir kaum vorzustellen. Vermutlich zu schnell, zu laut, zu hektisch, zu oft über der Belastungsgrenze und mit viel zu vielen Bällen in der Luft. Und ich wäre wohl noch immer auf der verzweifelten Suche nach dem Sinn…

Carsten 3 Web

Über Carsten Kärcher:

Cartsen Kärcher ist seit 2010 als Heilpraktiker Psychotherapie tätig.  Er verfügt  über  eine 2jährige Ausbildung in Logotherapie und Existenzanalyse  sowie über eine 1jährige Ausbildung in Wertimagination bei Dr. Stephan Peeck an der Akademie für Logotherapie und Existenzanalyse in Mainz und hat weitere Fortbildungen zur Logotherapie und Existenzanalyse am Institut für Logotherapie und Existenzanalyse in Tübingen absolviert.

http://www.praxis-kaercher.de/index.html

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Bildquelle: unsplash.com by Andrej Chudy

– Vielen Dank für eine kurze Erwähnung oder Weiterleitung dieses Beitrags!
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